Ein Leben als Großfamilie trauen sich die Wenigsten in Deutschland zu. Wir haben der Großfamilie Jeschke aus Würzburg einige interessante Fragen gestellt  und freuen uns, dass sie uns einen Einblick in ihre 9-köpfige Familie gewährt.

Lesen Sie hier das Interview:

Hatten Sie von Anfang an den Wunsch eine Großfamilie zu planen oder hat es sich so „ergeben“?

Also, wir wussten irgendwie von Anfang an, dass wir zusammengehören und wünschten uns beide eine große Familie. Erstens, weil wir selbst aus großen Familien stammen und zweitens, weil wir Kinder einfach gerne haben. Es war aber auch ein großes Maß von dieser jugendlichen Unbeschwertheit da, die damit zusammenhängt, dass man mit 21 eigentlich noch keine echten Schwierigkeiten im Leben hatte. Man meint, dass einem immer alles gelingt und einem alles in den Schoß fällt. Beim Fünften angelangt, hatten wir dann aber erst einmal genug… Als dann aber der bis dato Kleinste fünf Jahre alt war und die Kinder plötzlich ziemlich selbständig wurden, haben wir uns nochmal getraut. Vermutlich wären wir aber ohne eine Grundhaltung des Gottvertrauens nicht so weit gekommen.

Wie sieht Ihre Familienkonstellation aus?

Samuel ist 17 Jahre alt, Benedikt 15, Raphaël 12, Ann-Sophie 10, Louis 7, Émilie ist 18 Monate und Joël ist 3 Monate alt. Julie und ich (Georg) sind jetzt beide 40.

Wie gestaltet sich ein normaler Familien – Alltag im Hause Jeschke?

Nun ja, man muss ehrlich sagen, dass für Hobbies oder sowas – wenigstens im Augenblick – kaum Zeit bleibt. Die einzige ruhige Zeit ist eigentlich am frühen Morgen, wenn die Kinder noch schlafen. Daher stehen wir früh auf. Wenn andere Leute in der Zeitung lesen, haben wir unsere „stille Zeit“, in der wir bei Gott Kraft und Weisheit für den Tag erbitten. Danach geht es los mit Frühstück und Pausenbrot machen. Um viertel vor acht verlässt das letzte Schulkind das Haus, um zur Schule zu gehen. Dann gibt es ein kurzes Elternfrühstück, ehe ich zur Arbeit gehe. Während des Tages hat Julie alle Hände voll zu tun. Haushalt für neun Personen eben. Mittags kommen die ersten Schüler wieder nach Hause. Vorher mussten Einkäufe erledigt werden, Émilie hatte Hunger und brauchte frische Windeln. Joël wollte gestillt werden und brauchte auch ein paar Windeln. Beide brauchten Zuwendung. Im Keller warten Berge von Wäsche usw. Wenn das Mittagessen weggeräumt ist, stehen Hausaufgaben an. Gegen sechs Uhr komme ich wieder von der Arbeit nach Hause. Dann muss das Abendessen gerichtet werden… nachher kommen die Kleinen ins Bett. Die Großen bleiben noch etwas da. Hin und wieder spielen wir nochmal Karten oder Würfelspiele. Gegen 21 Uhr kehrt dann allmählich Ruhe ein.

Was sind Ihre größten Herausforderungen?

Bei so vielen Familienmitgliedern – auch so unterschiedlichen Alters – ist die Spannweite der individuellen Anforderungen so enorm, dass man eigentlich nie allen zu 100 % gerecht werden kann. Irgendetwas kommt immer zu kurz. Mit diesen Defiziten zu leben, ist für alle Beteiligten die größte Herausforderung. Bei den Kindern kann man den Stand Ihres individuellen Zuwendungsbedürfnisses an ihrer Kooperationsbereitschaft ablesen, bei den Eltern ist es im Grunde auch nicht anders – da spielt sich das Ganze dann halt auf einer anderen Ebene ab. Die typische, menschliche Reaktion auf mangelnde Kooperationsbereitschaft ist leider nicht unbedingt, dem jeweiligen Kind mehr positive Aufmerksamkeit zu widmen. Das erschwert das Ganze etwas und es braucht einiges an Selbstbeherrschung, um da einigermaßen geordnet durchzukommen. Auf der anderen Seite reguliert sich in einer großen Familie auch viel von alleine. Für die Kinder ist das Spiel miteinander (meistens) auch positive Zuwendung. Sie schulen damit ständig ihre soziale Kompetenz und verarbeiten spielerisch, was sie erleben. Man gibt sich gegenseitig Halt. Wenn es mit den Freunden oder in der Klasse mal nicht so geklappt hat, hat man immer noch einen Bruder oder eine Schwester!

Haben Sie Tipps zur Organisation, Hilfe und Erleichterung im Alltag? Was würden Sie gestressten Eltern raten?

Den meisten Stress macht man sich selbst. Wenn man einen vollen Kalender hat, hat man es auch in der Hand, ihn zu leeren. Das ist eine Sache des Priorisierens. Und da muss man in der Großfamilie eisern sein. Das ist zugegebener Maßen mit Opfern verbunden. Man muss oft nein sagen und die Umwelt (erweiterte Familie, Freunde, Schulen, Kindergärten, Gemeinden – wer auch immer) verstehen das oft nicht und können das häufig nicht nachvollziehen. Aber so eine Großfamilie fordert einen eben 7 Tage die Woche – rund um die Uhr. Ich weiß aber, dass das wieder dramatisch viel besser wird, wenn die Kleinsten mal so fünf Jahre alt sind. Das haben wir ja schon erlebt. Da kann man sich (zeitlich) dann wieder einiges mehr leisten. Als Tipp bleibt das eisenharte Priorisieren und klar, wenn möglich eine vorausschauende Planung. Man sollte sich außerdem – wenn möglich – den Wohnort so aussuchen, dass die Kinder ihre Freizeit- und Zusatzaktivitäten selbständig erreichen können. Sonst verbringt man viel Zeit im Auto, die man eigentlich nicht hat.

Wie wichtig ist Struktur in einer Großfamilie?

Wir haben festgestellt, dass Struktur und Regelmäßigkeit sehr wichtig und hilfreich sind. Es fängt schon bei den Babies an: Wenn für sie der Tagesablauf immer gleich ist, geht es ihnen einfach besser. Ist mal ein Tag anders, merkt man das direkt beim Einschlafen. Bei den Größeren merkt man Unsicherheiten oder etwas Unruhe. Und Unruhe ist echt Gift für das Zusammenleben in der Großfamilie. Denn Unruhe und Nervosität sind ansteckend und multiplizieren sich sehr schnell. Das muss man dann erst einmal wieder einfangen. Wir haben definitiv viel Unruhe daheim… wir merken einfach, dass Struktur und Ordnung das Ganze im Zaum halten. Aber ein Anruf oder ein unangekündigter Besuch zur Unzeit kann schon alles durcheinander bringen. Das ist dann halt so…

Was lieben Sie am meisten an Ihrem Familienleben? Und was nervt?

Was uns staunen lässt und was wir großartig finden ist, wie unterschiedlich unsere Kinder sind. Jeder hat irgendwie sein eigenes Skill-Set (Anm. d. Red.: Fähigkeiten). Es ist einfach total spannend zu sehen und mitzuerleben, was sich daraus entwickelt und eine große Aufgabe, Kinder dabei zu begleiten, erwachsen zu werden. Wir wollen Ihnen helfen herauszubekommen, wofür sie eigentlich da sind. Wir Christen nennen das „Berufung“ und wir glauben, dass diese so eindeutig ist, wie der individuelle Fingerabdruck. Wenn wir es mit Gottes Hilfe fertig bringen, unsere Kinder auf die Spur dessen zu bringen, wozu sie geschaffen wurden, dann haben wir es als Eltern „geschafft“. Zum Thema, was uns nervt, könnte ich eine ziemlich lange Liste erstellen. Aber wenn man am Ende des Tages einmal nachdenkt, worüber man sich den ganzen Tag lang aufgeregt hat, kommt man sehr schnell zu der Erkenntnis, dass man sich da gaaanz viel Nerven hätte sparen können. Wenn ich mir generell etwas wünschen könnte, so wäre das sicher so etwas wie eine gezielte Förderung für die Beschäftigung von Haushaltshilfen (Putzen, Waschen, Kochen usw.) und Nachhilfelehrern. Das sind Dinge, die man in einer Familie ganz gut delegieren kann. Was man nicht delegieren kann, ist die Zuwendung zu den Kindern. Und dafür hätten wir gerne mehr Zeit. Aber alles andere muss eben auch laufen und man muss es sich leisten können.

Haben Sie feste Familien-Rituale, die es nur bei den Jeschkes gibt?

Wir haben morgens und abends eine kurze gemeinsame Gebetszeit. Das ist vielleicht in der Zwischenzeit selten, aber dennoch nichts, was es ausschließlich bei uns gibt.

Was uns natürlich auch sehr interessiert: Wie viele Paar Schuhe brauchen Ihre 7 Kinder im Laufe eines Jahres und wie läuft der Schuheinkauf ab?

Also die fünf „Großen“ brauchen ungefähr vier bis sechs Paar Schuhe pro Jahr (inkl. Sportschuhe, Hausschuhe usw. Diese vielleicht nicht jedes Jahr). Die Kleinen profitieren vom vorhandenen Fundus aus der eigenen und der erweiterten Großfamilie (soweit noch tauglich). Beim Schuhkauf gibt es zwei Arten von Procedere: Einmal den „Schuhkauf zwischendurch“, weil es gerade gar nicht anders mehr geht: Da holt Julie meistens zwei, drei Paar zum Probieren und wir behalten die Passenden (wir sind beim Schuhgeschäft schon sehr gut bekannt :)). Ansonsten ist das eine Aktion für die Ferien, wo wir dann alle beim Schuhgeschäft einfallen wie die Heuschrecken und nachher mit Stapeln von Schuhkartons wieder gehen. Da wir häufig in Frankreich Urlaub machen (Julie hat dort Familie), geschieht das meist dort.

Vielen Dank für die ausführliche Beantwortung der Fragen und die Einblicke. Wir freuen uns, dass die Familie Jeschke ein Teil unserer gebrüder götz Familienwochen ist!

1 Kommentar

  1. Annegret Seidel Antworten

    Toll, so eine große Familie! Wir haben im Vergleich zu Ihnen „nur“ 4 Kinder, daher ahnen wir wie groß die Herausforderungen mit 7 Kids sein muss. Gott segne Sie, danke für die Einblicke in Ihr Leben!

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